1945 in Eutin

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Mai 1945 begannen die alliierten Siegermächte relativ rasch mit der Entlassung eines Teil der deutschen Kriegsgefangenen. Hintergrund dieser Maßnahme war, die Sicherstellung der anstehenden Ernte des Sommers 1945, deren Einbringung den Einsatz einer ausreichenden Anzahl von Bauern und Landarbeitern notwendig machte. Die Briten begannen daher am 04. Juni 1945, nur einen Monat nach Kriegsende, mit der geordneten Entlassung von zunächst ertwa 30.000 deutschen Kriegsgefangenen. Der britische Sergeant Bert Hardy von der 5. Army Film & Photographic Unit hielt ein solches Demobilisierungsverfahren von kriegsgefangenen Wehrmachtsangehörigen am 7. und 8. Juni 1945 in der Eutiner Rettberg-Kaseme fotografisch fest, ange-fangen von der Erfassung ihrer Handwerke und Berufe bis hin zu ihrer ei-gentlichen Entlassung. 

Die im Eutiner Demobilisierungszentrum (so lautete die britische Be-zeichnung für Kasernen, in denen Entlassungsverfahren durchgeführt wur-den) zu überprüfenden Männer kamen aus der sogenannten F-Zone. Dies war ein riesiges Freiluft-Gefangenenlager für über eine halbe Million deut-scher Wehrmachtsangehöriger in den nördlichen Teilen der heutigen Krei-se Ostholstein und Plön gewesen, von den Soldaten häufig auch als „Kral" bezeichnet. Fissau, Sielbeck und Sibbersdorf lagen innerhalb dieses Sperrgebietes, während das übrige Eutiner Stadtgebiet nicht in das Gebiet mit einbezogen war. 

Um das Entlassungsverfahren, für das in der Eutiner Rettberg-Kaserne die britische 14. Disbandment Control Unit (14. Auflösungs-Kontroll-Ein-heit) zuständig war, anhand der dazugehörigen Fotos nachvollziehen zu können, seien die einzelnen Schritte im Folgenden kurz erläutert. 

Zunächst betraten die Soldaten, aus den Wäldern um Eutin kommend, die Rettberg-Kaserne, in der sie in Zehner-Gruppen eingeteilt wurden. Erst dann durften sie in das eigentliche Demobilisierungszentrum marschieren (Abb 1). Weil keine Parteimitglieder der
NSDAP entlassen werden durften, erst recht keine SS-Angehörigen (die man leicht an ihrer spezifischen Tä-towierung ausmachen konnte), fand zuerst eine Einzelbefragung durch einen britischen Verhör-Offizier statt (Abb. 2 und 3). Nach dieser Befra-gung wurden die Gefangenen zum nächsten Abschnitt geführt (Abb. 4). Die Gruppenführer der Zehnertrupps waren während des Demobilisie-rungsverfahrens für die Papiere ihrer Männer verantwortlich. An der nächs-ten Station waren die Entlassungspapiere an einen deutschen Schreiber zu übergeben (Abb. 5). Die Männer warteten, bis sie an die Reihe kamen (Abb. 6),
ehe der Schreiber ihre Angaben in den Entlassungsbogen eintrug (Abb. 7) bzw. sie selbst die Papiere ausfüllen mussten. Daraufhin wurde jedem Mann eine Informationskarte ausgehändigt, die ihn über den Grund seiner Freilassung sowie über die nächsten von ihm zu unternehmenden Schritte aufklärte. Um einen möglichen Tauschhandel mit den Entlassungspapieren zu unterbinden, hatten die Männer anschließend ihre Daumenabdrücke als Identifikationsmerkmal zu hinterlassen (Abb. 8). Dabei handelte es sich wohl eher um eine reine Vorsichtsmaßnahme, denn kaum einer der Frei-gelassenen hätte wohl um einiger materieller Vorteile willen 

mit den zurück bleibenden Gefangenen tauschen wollen. Insofern waren die Entlassungs-papiere, die im Unterschied zu den (kleineren) blassgelben Formularen der Militärregierung weiß waren, sehr begehrt. 

Im Anschluss daran wurden die Männer durchsucht - exemplarisch hielt der britische Fotograf deshalb die Tascheninhalte eines deutschen Gefan-genen fest (Abb. 9). Die Gebrauchsgegenstände durften sie behalten, während alle militärischen Rangabzeichen, NS-Embleme usw. abzugeben waren. 

Nach dem Durchlaufen des Demobilisierungsverfahrens erhielt jeder Freizulassende 40 Reichsmark ausgezahlt (Abb. 10). Anschließend fand eine Untersuchung der Männer durch einen deutschen Truppenarzt statt, bei der sie unter anderem entlaust wurden (Abb. 11). Wer als zu schwach für die anstehenden landwirtschaftlichen Aufgaben befunden wurde, durfte übrigens nicht entlassen werden. 

Nach einer letztmaligen Durchsuchung, bei der den Männern jede noch verbliebene Armeeausrüstung abgenommen wurde (Abb. 12), warteten sie in einem hinteren Teil der Rettberg-Kaserne auf den Transport in ihren Ar-beitsbezirk, der möglichst nah an ihrem Wohnort liegen sollte. Um zu ver-hindern, dass sich jemand ohne Papiere in die Reihen der zu Entlassen-den einschlich, mussten alle Männer vor ihrem
Abtransport aus dem De-mobilisierungszentrum ihre Entlassungspapiere in die Höhe
halten (Abb. 13)

Die letzten Fotos zeigen dann, wie die Männer zu den Lkw marschier-ten und anschließend noch auf dem Kasernengelände die Fahrzeuge er-kletterten (Abb. 14 und 15), die sie letztlich in die Freiheit bringen sollten.

Übrigens erkennt man auf einigen Fotos deutlich, dass nicht nur britische, sondern auch amerikanische Militärfahrzeuge (mit weißem Stern) in Eutin stationiert waren. 

Zum Schluss sei noch auf ein interessantes Detail dieser ersten Kriegs-gefangenen-Entlassungsaktion hingewiesen. Formell wurden die Deut-schen von den Briten zunächst nur vorläufig für die Erntehilfe freigelassen, d. h., ihre endgültige Entlassung hätte in einem späteren Verfahren stattfin-den sollen. Eine solche nachträgliche Demobilisierungsprozedur fand je-doch niemals mehr statt, vermutlich weil man den damit verbundenen Ver-waltungsaufwand scheute. Deshalb aber, so stellte ein von dieser frühes-ten Entlassungshandlung betroffener Zeitzeuge gegenüber dem Verfasser fest, sei er eigentlich bis heute immer noch britischer Kriegsgefangener, rein formal betrachtet. .. ! 

Diese Einschätzung teilten die Briten übrigens wohl implizit, denn ein anderer Zeitzeuge, der ebenfalls zu den ersten frei gelassenen Kriegsgefangenen gehörte und der sich einige Monate später in den Minenräumdienst der Briten stellen wollte, berichtete, dass er ei-gens dazu erst formal aus der Kriegsgefangenschaft entlassen werden musste, obwohl er sich de facto bereits eine Weile in Freiheit befunden hatte.

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