Das Kriegsende in Ostholstein

Wohl kein Jahr in der deutschen Geschichte verlief dramatischer als 1945

Vor 72 Jahren endete der 2. Weltkrieg für Deutschland. Wohl kein Jahr in der deutschen Geschichte verlief dramatischer wie 1945. Vom „Großdeutschen Reich“ am Jahresanfang blieb zwölf Monate später nur ein aufgeteiltes und von den Siegermächten kontrolliertes Rumpfdeutschland übrig. Dem totalen Krieg war der völlige Zusammenbuch gefolgt.

Das Ende des Zweiten Weltkrieges in Deutschland hatte auf Schleswig-Holstein besonders einschneidende Auswirkungen. Es retteten sich endlose Flüchtlingstrecks aus dem Osten seit Januar 1945 nach Norden und die Kriegsmarine evakuierte laufend Flüchtlinge nach Kiel, Lübeck und Dänemark. Schleswig-Holstein galt als das bevorzugte Flüchtlingsland. So schwoll die offizielle Bevölkerungszahl    von Februar bis Juni 1945 von 1,6 Mill. auf 2,4 Mill. statistisch an. Darin sind die 300 000 D.P.s. (displaced person),  Zwangsarbeiter aus dem Ausland, die britischen Besatzungstruppen, die deutschen Kriegsgefangenen und die entwaffneten Soldaten der deutschen Wehrmacht noch nicht enthalten. Rund 3,5 Mill. Menschen waren zusammengezogen worden, davon rund
1 Mill. Einheimische, 1 Mill. Flüchtlinge und Heimatvertriebene und 1,5 Mill. Soldaten und Verwundete.

Die britische Besatzungszone der  späteren heutigen Länder Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen hatten eine Million Menschen mehr aufgenommen, als die amerikanische Zone. Die Bevölkerungsdichte pro Quadratkilometer war hier am höchsten, während die britische Zone zugleich den geringsten Nahrungsmittelvorrat aufwies.

So hatten sich z. B. die Einwohner der damaligen Reichshauptstadt Flensburg von 70.000  auf  300.000 und

Fehmarn  von 12.000  auf 39.000 erhöht.

Es gibt keinen Zeitraum der neueren deutschen Geschichte mit einer ähnlich schwierigen aus  Nachlass und Dokumenten, wie der Zeitraum vor und nach der Kapitulation. Akten wurden vernichtet, vieles ist nicht mehr lesbar, die Kommunen tagten nicht, die Verwaltungen hatten sich aufgelöst.

Viele britische Unterlagen aus diesem Zeitraum sind nach Aufhebung der Dienststellen verschwunden. Die damalige Presse bleibt als Zeitdokument nur eingeschränkt nutzbar. Private Aufzeichnungen sind selten, da deutsche Zeitzeugen sich nur bedingt äußern wollten und die meisten von ihnen längst verstorben sind.

Dürftig ist auch das Fotomaterial aus dieser Zeit, da Film und Fotoapparat nicht gebraucht werden durften, sondern abgeliefert werden mussten.

Ausgangslage

Die unter den Oberbefehl des britischen Feldmarschalls Montgomery im Nordwestraum operierende 21. Britische Heeresgruppe hatte am 29. April 1945 bei Lauenburg und am 30. April bei Bleckede den Übergang über die Elbe erzwungen und erreichte am 2. Mai die Lübecker -und die Wismarer Bucht. Im Raum Wismar hatten die Briten am selben Tag erste Berührung mit russischen Panzerverbänden, die dadurch nicht weiter nach Westen vorrücken konnten. Die Engländer blieben zunächst in dem von ihnen besetzten  westlichen Mecklenburg. Sie hatten durch ihr rasches Vordringen ihr Ziel erreicht, einen Durchstoß der Roten Armee über Schleswig-Holstein zur Nordsee und nach Dänemark zu verhindern. 

Zu einem tragischen Tag entwickelte sich der 3. Mai 1945, als die britische Luftwaffe RAF einen Angriff auf Schiffe in der Neustädter Bucht führte. Auf dem Passagierdampfer „Cap Arcona“ sowie den 2 Frachtern „Athen“  und „Thielbek“ waren in den vorangegangenen Tagen ca. 8000 KZ-Häftlinge aus dem Hamburger Lager Neuengamme gebracht worden, um einem „ungewissen Schicksal“ entgegenzusehen. Die Einheiten lagen dort schon mehrere Tage auf Reede, welches die britische Aufklärung bereits erkannt haben musste, ohne Notiz davon zu nehmen. Britische Jagdbomber griffen am 3. Mai gegen Mittag überraschend die Schiffe an, schossen sie in Brand und verursachten den Tod von ca. 7000 Häftlingen. Am gleichen Tag versenkten Flugzeuge in der westlichen Ostsee 23 Schiffe und beschädigten weitere 115. Schiffsbesatzungen -und Verwundete fanden vielfach ein dramatisches Ende.

Im Oldenburger Kriegsgebiet schossen Flugzeuge auf alles, was sich an diesem Tag auf den Straßen bewegte. Zu den Zielen gehörte auch der PKW des Feldmarschall Fedor von Bock, der am 18. Januar 1945 von seinem Gut Grodtken in Ostpreußen aufgebrochen war und nun seit dem 23. April auf dem Gut Petersdorf wohnte. Er befand sich auf dem Weg zu einem Treffen mit dem Feldmarschall von Manstein, der auf dem Gut Weißenhaus Quartier  bekommen hatte. Auf dieser Fahrt wurde sein PKW unweit Lensahn von einem britischen Flugzeug angegriffen und ging in Flammen auf. Seine mitfahrende Familie kam darin um. Er selbst erlitt schwerste Verbrennungen und starb am 4. Mai im Oldenburger Marinekrankenhaus. 

Korpsgruppe von Stockhausen nach Kriegsende in Ostholstein. Stand 3.12.1945
Brennender Passagierdampfer Cap Arcona in der Neustädter Bucht

Das Kriegsende in Ostholstein

Vom „Großdeutschen Reich" am Jahresanfang blieb zwölf Monate später nur ein aufgeteiltes und von den Siegermächten kontrolliertes Rumpfdeutschland übrig.

Auf Initiative von Großadmiral Dönitz, der auf Weisung Hitlers dessen Nachfolger geworden war, wurde am 4. Mai zwischen Montgomery und einer Delegation des (deutschen) Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) eine am 5. Mai, 8.00 Uhr, wirksam werdende Teilkapitulation aller deutschen Streitkräfte in Nordwestdeutschland (einschließlich Dänemarks) gegenüber der 21. britischen Heeresgruppe vereinbart, also fast 4 Tage vor der am 9. Mai, 0.01 Uhr, wirksam werdenden bedingungslosen deutschen Gesamtkapitulation. Die Teilkapitulation stand allerdings im Widerspruch zu der zwischen  den Alliierten getroffenen Vereinbarung, nach der nur eine deutsche Gesamtkapitulation entgegengenommen werden sollte und alle den Russen gegenüber stehenden deutschen Verbänden vor den sowjetischen Truppen zu kapitulieren hätten. 

Durch den Zeitgewinn war es – wohl mit Billigung Montgomerys – noch zahlreichen in Mecklenburg stehenden deutschen Verbänden möglich, sich einigermaßen geordnet von der Ostfront zu lösen, sich in britische Gefangenschaft zu begeben oder sich nach Schleswig-Holstein abzusetzen.  Außerdem wurde dadurch zahllosen Flüchtlingen der Weg nach Westen länger offengehalten. In einer beispiellosen Rettungsaktion konnte die deutsche Kriegsmarine mit allem verfügbaren Schiffsraum noch Hunderttausende Flüchtlinge, Verwundete und Soldaten über See aus den deutschen Ostgebieten und aus Kurland nach Schleswig-Holstein und Dänemark bringen und sie so sowjetischem Zugriff entziehen.

Kriegsgefangenschaft  / Internierung

In Schleswig-Holstein hatten sich durch die von den Engländern zurückweichenden Reste deutscher Truppen, die über See geretteten deutschen Soldaten aus dem Osten, aus Dänemark und aus Norwegen und die Einheiten, die sich aus Mecklenburg hierher absetzen konnten, rund 1,5 Mill. deutsche Wehrmachtsangehörige (1*) konzentriert. Sie wurden nach der Kapitulation unter Aufsicht der Engländer entwaffnet und mussten zunächst versorgt und untergebracht werden, da es organisatorisch nicht möglich war, eine so große Anzahl ehemaliger Soldaten von heute auf morgen zu entlassen. Überdies wollten sich die Engländer dadurch sicher auch die Möglichkeit erhalten, im Zuge einer dann schrittweisen Entlassung nach Angehörigen der Waffen-SS und eventuell politisch belasteten Personen zu fahnden. Hinzu kamen dann noch die bei den britischen Truppen in Mecklenburg in Gefangenschaft gegangenen deutschen Soldaten, die von den Engländern nicht an die Russen ausgeliefert, sondern vor der Räumung Westmecklenburgs (am 1. Juli 1945) nach Schleswig-Holstein in das Sperrgebiet F verlegt wurden. Wehrmachtsangehörige, die jünger als 16 Jahre und älter als 50 Jahre alt waren, sollen – soweit möglich – sofort nach Hause entlassen worden sein.

Anders als die in amerikanische Kriegsgefangenschaft geratenen deutschen Soldaten, die an Rhein und Nahe in den sog. Rheinwiesen in riesigen Camps unter freiem Himmel lagerten und
unter menschenunwürdigen Bedingungen zu Zehntausenden eng zusammengepfercht waren, und ganz zu schweigen von den in sowjetischer Kriegsgefangenschaft befindlichen Soldaten, hatten die Engländer, wie eingangs erwähnt, in Schleswig-Holstein zwei geographisch günstig gelegene große Kriegsgefangenen-Sperrgebiete errichtet, die weitgehend deutschem militärischen Kommando unterstellt waren. Zwar befanden sich auch in diesen Gebieten Hunderttausende deutscher Soldaten, sie waren aber großräumig verteilt und hatten innerhalb der Sperrzonen weitgehende Bewegungsfreiheit. Bis auf gelegentliche Kontrollfahrten hatten sich die Engländer aus den Gebieten zurückgezogen. Entgegen den Vereinbarungen mit den Amerikanern und Russen überließen sie alle mit der Versorgung und Unterbringung zusammenhängenden Aufgaben weiterbestehenden oder schnell aufgebauten deutschen militärischen Kommandostellen bzw. Stäben, die zwar nach grundsätzlichen Weisungen der Briten arbeiteten, aber für das Funktionieren in den Gebieten voll verantwortlich waren. Überhaupt ließen die Engländer die Spitzenorganisation der deutschen Wehrmacht in Schleswig-Holstein auch außerhalb der Sperrgebiete noch einige Wochen nach der Kapitulation bestehen, damit diese alle mit der Sammlung und Demobilisierung der deutschen Streitkräfte zusammenhängenden Aufgaben nach grundsätzlichen Weisungen der Sieger erledigte.

Die Briten hatten sich die Befehlsgewalt gegenüber den deutschen Kommandostellen vorbehalten, die entsprechend Artikel 3 der Teilkapitulations-Vereinbarung alle gegebenen Befehle sofort, ohne Widerreden und kommentarlos auszuführen hatten. Andererseits wurden den deutschen militärischen Stellen aber alle jene Befehlsbefugnisse gegenüber den unterstellten deutschen Verbänden eingeräumt, die zur Aufrechterhaltung von Disziplin, Ordnung und Versorgung notwendig waren. Die Zugeständnisse  gegenüber den Deutschen ergaben sich auch aus der Einsicht, mit ihrer verhältnismäßig geringen Personalstärke neben ihren sonstigen Besatzungsaufgaben nicht zusätzlich auch noch die Verwaltung und Versorgung der riesigen Zahl der Kriegsgefangenen bewältigen zu können.

Die Einrichtung der großen Gefangenengebiete war Teil der
britischen Operation „ECLIPSE“, die alle mit der Besetzung Nordwestdeutschlands und der Demobilisierung der deutschen Streitkräfte zusammenhängenden Maßnahmen erfasste. 

Die Gebiete in denen Sperrbezirke errichtet werden sollten mussten  gewisse Anforderungen erfüllen:

  • Vom Kriege bisher verschont geblieben sein
  • Eine geringe Besiedlungsdichte der einheimischen
    Bevölkerung aufweisen
  • Eine leichte Überwachung ermöglichen 
  • Das erreichten die Besatzer in 2 geographisch günstigen Gebieten: 
  • Im Sperrgebiet F an der Ostseeküste von Schleswig-Holsteinmit ca. 650.000 Internierten
  • Im Sperrgebiet G an der Westküste mit der Halbinsel Eiderstedt mit ca. 410.000 Internierten

Diese Abschnitte wurden deutschen militärischen Kommandos unterstellt und genossen relative Freiheiten, da sich die Engländer daraus zurückzogen.

Entgegen der Vereinbarung mit den Amerikanern und Russen überließen sie somit alle mit der Versorgung und Unterbringung zusammenhängenden Aufgaben weiterbestehen oder überführten sie an deutsche militärische Stellen, die für das Funktionieren voll verantwortlich waren. Nicht eindeutig ist der Status der in den Sperrgebieten befindlichen Soldaten definiert. Der größte Teil von ihnen war nicht auf Grund von Kampfhandlungen,    sondern als Folge der deutschen Kapitulation in die Hände der Briten geraten. In den Sperrzonen befanden sie sich nicht hinter Stacheldraht, sie waren weiter in militärischen Verbänden zusammengefasst und blieben als „entwaffnetes Militärpersonal“ der Befehlshoheit deutscher Offiziere unterstellt. Dadurch erhielten sie nicht die Rechtsstellung von Kriegsgefangenen nach den Bestimmungen der Haager Landkriegsordnung bzw. der Genfer Konvention, nach denen sie z. B. Anspruch auf schnelle Entlassung und u. a. einen Verpflegungsanspruch wie die britischen Soldaten gehabt hätten. Dies war jedoch wegen der riesigen Zahl deutscher Soldaten nicht zu realisieren. Sie wurden deshalb von den Engländern als Surrendered Enemy Personnel / SEP (Kapitulationsgefangene) bezeichnet, die in den Gebieten interniert waren – eine (kriegs-) völkerrechtliche Stellung, die es für Soldaten bis dahin nicht gegeben hatte und die eigentlich keine war. Beide Gebiete, F und G, erhielten den Namen „Deutscher Kral“, ein afrikanischer Begriff für eine eingezäunte Rundsiedlung mit zentralem Viehhof.

Das östliche Sperrgebiet F reichte nördlich bis Schönberg / Laboe und südlich bis Sierksdorf, später Neustadt. Auf Anordnung der britischen Besatzung für die Entwicklung des militärischen Sperrgebietes F begann eine deutsche Kommandostruktur aus bewährten Führern die Ausarbeitung anzugehen. Nach englischen Vorgaben stellten deutsche Truppenführer die Grundzüge für die Belegung eines ostholsteinischen Gebietes auf. Dafür erhielt der Generalleutnant Wilhelm Hunold v. Stockhausen als Dienststellenleiter den Rang eines Armeeführers mit Sitz zunächst im Schloß Weißenhaus, später in Putlos. Er hatte bis zum 8. Mai mit seinen Truppen über See aus Ostpreußen kommend den Neustädter Hafen erreicht und wurde nun mit der Leitung des Internierungsgebietes Ostholstein beauftragt. General v. Stockhausen war zuletzt Kommandeur aller Kriegsgefangenen in Ostpreußen gewesen und von daher hinsichtlich der künftigen Funktion vorbereitet. 

Sein Stab unterteilte das vorgesehene Gebiet in 6 Abschnitts-
kommandos à 100.000 Mann, wobei  Stäbe und Einheiten möglichst zusammen blieben. Mit der Ordnung und Disziplin der Truppe konnten die Stäbe gute Arbeit leisten. Aber dürftige Ernährung und mangelhafte Unterbringung, dazu die Sorge um ihre Angehörigen, drückten die Stimmung der Gefangenen und damit sank auch die Truppenmoral. 

Sonderlager wurden für die Polen errichtet, die bis her als Gefangene zum Arbeitseinsatz in der Landwirtschaft tätig gewesen waren. Bis zur Rückführung der letzten von ihnen im Dezember 1945 zogen die Briten diese in der Neustädter U-Bootschule zusammen. 

Henning von Ludowig

Feldmarschall Fedor von Bock
Generalleutnant Wilhelm-Hunold von Stockhausen
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